Feh­ler erlau­ben, Ler­nen einfordern

Kei­ne Feh­ler­kul­tur, kei­ne Transformation

Tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen ver­lau­fen nicht line­ar. Das gilt für KI, das gilt für jeden struk­tu­rel­len Wan­del. Es gibt kei­nen sau­be­ren Pfad vom alten in den neu­en Zustand. Es gibt Expe­ri­men­te, Irr­tü­mer, Kurs­kor­rek­tu­ren und gele­gent­li­che Rück­schrit­te. Wer das nicht expli­zit aus­spricht und struk­tu­rell absi­chert, bekommt Risi­ko­ver­mei­dung statt Lern­be­reit­schaft. Und damit kei­ne Transformation.


Der Irr­weg der Blaupause

Es gibt eine ver­brei­te­te Vor­stel­lung davon, wie Ver­än­de­rung funk­tio­niert. Es gibt einen Plan. Der Plan wird umge­setzt. Am Ende steht der gewünsch­te Zustand. Die­ses Bild ist in sta­bi­len, linea­ren Kon­tex­ten manch­mal brauch­bar. In tief­grei­fen­den Ver­än­de­run­gen ist es irreführend.

KI ist dafür ein beson­ders ehr­li­ches Bei­spiel, aber nicht das ein­zi­ge. Jede Orga­ni­sa­ti­on, die ernst­haft mit KI arbei­tet, stellt fest: Man­che Anwen­dungs­fäl­le funk­tio­nie­ren nicht wie erwar­tet. Man­che Pro­zes­se brau­chen mehr mensch­li­ches Urteils­ver­mö­gen als gedacht. Man­che Berei­che, die nie­mand auf dem Radar hat­te, pro­fi­tie­ren erheblich.

Das ist kei­ne Fehl­funk­ti­on. So funk­tio­niert ech­ter Wan­del. Suchen, schei­tern und neu aus­rich­ten gehört zum Pro­zess selbst, nicht zu sei­nen Fehlern.

Wer das nicht kom­mu­ni­ziert, erzeugt im Sys­tem eine gefähr­li­che Erwar­tung: dass es einen rich­ti­gen Weg gibt, den man ken­nen soll­te, bevor man anfängt. Das Ergeb­nis ist Läh­mung, kei­ne Bewegung.


Was Feh­ler­kul­tur wirk­lich bedeu­tet und was nicht

Feh­ler­kul­tur wird viel beschwo­ren. Sel­ten gelebt. Das liegt auch dar­an, dass sie oft miss­ver­stan­den wird.

Feh­ler­kul­tur bedeu­tet nicht:

  • Dass jeder Feh­ler will­kom­men ist
  • Dass Kon­se­quen­zen abge­schafft werden
  • Dass Belie­big­keit als Expe­ri­men­tier­frei­heit gilt

Feh­ler­kul­tur bedeutet:

  • Dass pro­duk­ti­ves Schei­tern sicht­bar gemacht und aus­ge­wer­tet wird
  • Dass Irr­tü­mer im Lern­pro­zess kei­ne Kar­rie­re­ri­si­ken erzeugen
  • Dass das Nicht-Aus­pro­bie­ren als das eigent­li­che Risi­ko gilt

Das ist ein Füh­rungs­the­ma, kein HR-Pro­gramm. Pro­kla­mie­ren reicht nicht. Die Füh­rungs­kraft muss Feh­ler­kul­tur im eige­nen Ver­hal­ten ver­kör­pern. Alles ande­re ist Dekoration.


Die Füh­rungs­kraft als ers­tes Modell

Teams ler­nen nicht von Appel­len. Sie ler­nen von dem, was sie beob­ach­ten. Und was sie am meis­ten beob­ach­ten, ist die Führungskraft.

Wenn eine Füh­rungs­kraft in einem Ver­än­de­rungs­pro­zess, sei es KI oder etwas ande­res, nur dann sicht­bar wird, wenn etwas funk­tio­niert, lernt das Team: Zeig nur Erfol­ge. Wenn die Füh­rungs­kraft eige­ne Lern­kur­ven ver­birgt und Unsi­cher­hei­ten nicht benennt, lernt das Team: Unsi­cher­heit ist gefährlich.

Das Gegen­teil ist genau­so wirk­sam. Kon­kre­te Ver­hal­tens­wei­sen, die eine Expe­ri­men­tier­kul­tur modellieren:

  • Eige­ne Fehl­ver­su­che benen­nen: „Ich habe letz­te Woche ver­sucht, X mit KI zu lösen. Es hat nicht funk­tio­niert. Hier ist, was ich dar­aus gelernt habe.”
  • Lern­fra­gen statt Erfolgs­fra­gen stel­len: In Reviews nicht nur fra­gen, was funk­tio­niert hat, son­dern was nicht funk­tio­niert hat und warum.
  • Irr­tü­mer nor­ma­li­sie­ren: Nicht jede Abwei­chung vom Plan als Pro­blem rah­men, son­dern als Information.

Die­se Ver­hal­tens­wei­sen sind auf jede Ver­än­de­rungs­si­tua­ti­on über­trag­bar. KI ist hier nur das aktu­ell grif­figs­te Bei­spiel für einen Wan­del, bei dem nie­mand von Anfang an alles wis­sen kann.


Expe­ri­men­tier­räu­me struk­tu­rell verankern

Gute Absich­ten rei­chen nicht. Wer möch­te, dass sein Team wirk­lich expe­ri­men­tiert, muss dafür struk­tu­rel­le Bedin­gun­gen schaf­fen. Psy­cho­lo­gi­sche Sicher­heit braucht kon­sis­ten­tes Füh­rungs­ver­hal­ten und Räu­me, die Expe­ri­men­tie­ren erlauben.

Kon­kre­te struk­tu­rel­le Hebel:

  • Fes­te Lern­for­ma­te: Regel­mä­ßi­ge kur­ze For­ma­te, in denen Teams berich­ten, was sie aus­pro­biert haben, was funk­tio­niert hat und was nicht. Kei­ne Erfolgs­show, son­dern ehr­li­che Lernbilanz.
  • Expli­zi­te Expe­ri­men­tier­er­laub­nis: Die Füh­rungs­kraft benennt kon­kret, in wel­chen Berei­chen Aus­pro­bie­ren aus­drück­lich erwünscht ist, und wo die Gren­zen liegen.
  • Sicht­ba­re Kon­se­quenz­lo­sig­keit bei pro­duk­ti­vem Schei­tern: Wenn ein Expe­ri­ment schei­tert und die Füh­rungs­kraft mit Inter­es­se statt Kri­tik reagiert, ist das das stärks­te Signal im System.

Hand­lungs­op­ti­on für die­se Woche:
Füh­re in dei­nem nächs­ten Team­mee­ting eine ein­zi­ge neue Fra­ge ein: „Was haben wir in den letz­ten zwei Wochen aus­pro­biert, das nicht funk­tio­niert hat? Und was haben wir dar­aus gelernt?” Stel­le sie selbst zuerst, mit dei­ner eige­nen Antwort.


Feh­ler­kul­tur ist kei­ne Hal­tungs­fra­ge. Sie ist eine Füh­rungs­auf­ga­be. Und sie beginnt nicht mit einem Work­shop, son­dern mit dem nächs­ten Satz, den die Füh­rungs­kraft über einen eige­nen Irr­tum sagt.

In Teil 2 die­ser Serie haben wir gezeigt, was Pas­si­vi­tät im Sys­tem aus­löst. In Teil 4 geht es dar­um, wie Füh­rungs­kräf­te Mit­ge­hen glaub­wür­dig ein­for­dern, und was das mit Vor­le­ben zu tun hat.

Wenn Sie her­aus­fin­den möch­ten, wel­che struk­tu­rel­len Bedin­gun­gen in Ihrem Umfeld Expe­ri­men­tie­ren gera­de ver­hin­dern und wie Sie das kon­kret ändern kön­nen, spre­chen wir darüber.

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